Dr. Christian W. Denker

Dr. Denker ist Philosoph und beschäftigt sich vorwiegend mit der Verdauung, anbei drei seiner Texte:

Bemerkungen zu einer Philosophie der Verdauung
Verdauung und Seelenheil bei Platon
Ein Hunderecht auf eine gesunde Verdauung

Bemerkungen zu einer Philosophie der Verdauung

In mancher Hinsicht ähnelt die Verdauung dem Geist (1), denn sie ist ein unverzichtbarer Aspekt unserer persönlichen, kulturellen und sprachlichen Entwicklung. Allerdings treten Verdauung und Geist nicht immer gleichberechtigt auf.

Das Ungleichgewicht zwischen Denken und des Verdauen ist schnell erklärt. So unterstreicht zum Beispiel der anthroposophische Philosoph Rudolf Steiner, dass das Denken sich selbst reflektieren kann, die Verdauung sich aber nicht selbst verdaut: Leicht könnte jemand dem Satze: wir müssen denken, bevor wir das Denken betrachten können, den andern als gleichberechtigt entgegenstellen: wir können auch mit dem Verdauen nicht warten, bis wir den Vorgang des Verdauens beobachtet haben. Laut Steiner wäre dies ein Einwand ähnlich dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er behauptete, man könne auch sagen: ich gehe spazieren, also bin ich. Steiner vermerkt, dass wir ganz gewiss auch resolut verdauen müssen, bevor wir den physiologischen Prozess der Verdauung studieren können. Aber mit der Betrachtung des Denkens ließe sich das nur vergleichen, wenn wir die Verdauung hinterher nicht denkend betrachten, sondern essen und verdauen würden (2) .”

Dem ließe sich entgegengehalten, dass das Denken seine Unabhängigkeit von der Verdauung nur dann behaupten könnte, wenn die Verdauung keine notwendige Bedingung des Denkens wäre. Doch setzt eine idealistische Grundlegung des Geistes durch den Geist körperliche Grundfunktionen voraus. Mit anderen Worten, der Geist kann sich schwerlich durch Berufung auf seine eigene Tätigkeit erklären. Denken ohne einen Körper bleibt unvorstellbar. Schlaf, Atmung und Verdauung sind – anders als zum Beispiel Spaziergänge- unverzichtbare Kennzeichen unserer menschlichen Existenz. Die Philosophie tut gut daran, ihnen einen angemessenen Platz einzuräumen. Als eine spezielle Form des Stoffwechsels ist die Verdauung ein gemeinsames Kennzeichen der Menschen und anderen verschiedenartig entwickelten Lebensformen. Es ist also recht erstaunlich, dass wie wenig Aufmerksamkeit ihr von abendländischen Philosophen entgegen gebracht wurde..

Digero ergo sum , wir sind und wir verdauen. Die Verdauung wirkt weltbildend und weltverschlingend , längst noch bevor sich ein kluger Geist mit ihr beschäftigt. Erst im Verlauf der Naturgeschichte hat sich der grundlegende „somatische“ Vorgang der Verdauung überhaupt mit Accessoires wie Knochengerüst, Haupthirn und Geschmackszellen ausgerüstet. Sicher kann Verdauung nicht die einzige, universelle und ewige Grundlage aller Weisheitsliebe sein. Aber eine Philosophie die etwas Hilfreiches zu unserem Leben beizutragen wünscht, sollte die Verdauung nicht einfach ignorieren.

(1) „We should think of consciousness as part of our ordinary biological history, along with digestion, growth, mitosis and meiosis“, John R. Searle, „The Problem of Consciousness“. (Siehe auch: John R. Searle, The Rediscovery of the Mind, MIT Press, 1992.)
(2) Rudolf Steiner, „Das Denken im Dienste der Weltauffassung “, Die Philosophie der Freiheit, Fischer, 1985, S. 48.

 

 

 

Verdauung und Seelenheil bei Platon
Schulden wir dem Asklepios einen Hahn?

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Widerspricht die Freude an der Verdauung der philosophischen Suche nach Weisheit? Auf den ersten Blick scheint diese Frage abwegig. Zum einen ist Verdauung ein allzu körperlicher Vorgang, um ernsthafte Philosophen thematisch zu begeistern. Zum anderen produziert Verdauung Leiden, denn Verdauungsstörungen nehmen weltweit infolge übermäßiger, mangelhafter und ungesunder Ernährung zu. Statistisch gesehen gelten weltweit zumindest 312 Millionen Menschen als fettleibig und 1,7 Milliarden als übergewichtig. Kinder mit einem fettleibigen Elternteil entwickeln als Erwachsene doppelt so oft eine Fettleibigkeit wie andere Kinder. Für Kinder mit zwei fettleibigen Eltern ist das Risiko um das Sechsfache erhöht. Die psychologischen Konsequenzen von Übergewicht sind statistisch gesehen zahlreich: Geringeres Selbstwertgefühl, schlechtere Berufsaussichten, erschwerte Partnerschaften und ökonomische Schwächung geben Beispiele (1). Ist es also angemessen, mit Platon für eine Unterdrückung entbehrlicher Ernährungstriebe zu plädieren?

Bevor ich meine Antwort auf diese Fragen gebe, möchte ich Platons Position zur Verdauung kurz erläutern. Es sei schimpflich, schreibt er in der Republik, dass man die ärztliche Kunst brauche, weil man durch Trägheit und durch üppiges Leben von Flüssen und Winden voll geworden sei wie ein überlaufender See (2). Auch sei es unverständlich, dass Bezeichnungen wie Blähungen und Katarrh überhaupt von Ärzten verwendet würden. Zur Zeit des Asklepios habe es dergleichen gewiss nicht gegeben! Platons Position gegenüber Kranken lässt sich auf eine kurze Formel bringen: Reiß Dich zusammen! Einem Zimmermann, der eine Krankheit durch Abführmittel, durch Brennen oder durch Schneiden lindern möchte, solle der Arzt allenfalls eine Diät verschreiben. Der Kranke kehre dann bald zu seiner gewohnten Lebensweise zurück, würde gesund und lebe von seiner Arbeit. Könne sein Körper aber nicht mit der Krankheit fertig werden, so stürbe er und sei aller Sorgen ledig (3).

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Platons Überlegungen zur ärztlichen Heilkunde beruhen auf seinen Betrachtungen zur Vergänglichkeit des menschlichen Körpers. Besonders scharf erscheinen diese in den Gesprächen, welche Platon Sokrates kurz vor seinem Tod mit Freunden und Anhängern führen lässt. Die Aussicht auf den Tod hat hier etwas Befreiendes, insofern der Tod als eine Trennung der unsterblichen und unzerstörbaren Seele vom sterblichen Körper verstanden wird (4). Allerdings steht dem die Meinung entgegen, dass die vom Körper getrennte Seele wie ein Hauch oder Rauch vergehen könnte.

Dieser Position begegnet Platon mit einer eng gefügten Kette von Beweisen bzw. Argumenten für die Unsterblichkeit der Seele. Er erklärt, dass die Seele ein den Körper belebendes Prinzip sei, wogegen der Körper die Seele bei ihrem ureigensten Geschäft – der Schau des eigentlichen und idealen Seins – behindere (5). Die körperlichen Sinne seien trügerisch und hielten die Seele von der wahren Erkenntnis ab. Da sich der Körper an Vergänglichem orientiere, sei er selber vergänglich. Die Seele dagegen, die sich auf Unvergängliches richte, sei unsterblich und unzerstörbar. Der Tod betreffe nur das Sterbliche. Das Unsterbliche und Unzerstörbare jedoch ginge ohne Schaden dem Tod aus dem Wege (6). Befreit von ihrem Körper, erreiche die Seele ungehindert das Wahre, Gute und Schöne.

Platon pointiert seine Position mit wohl gewählten Worten. Seinen sterbenden Lehrer Sokrates lässt er um ein Opfer an Asklepios bitten. Nun wurde dem mythischen Gott der Heilkunst ein solches Opfer wohl nach einer Gesundung von einer Krankheit dargebracht, nicht aber nach einem Todesfall. Im Sinne Platons führt der Tod also zur Gesundung der Seele von ihrer Krankheit: dem Körper.

Für eine Philosophie der Verdauung hat die herabsetzende Behandlung des Körpers wichtige Konsequenzen. Zwar erwähnt Platon die Verdauung als eine Bedingung des körperlichen Wachstums (7). Allerdings verbindet er mit ihrer körpererhaltenden Wirkung keine positiven Folgen für die Seele. Dies zeigt sich etwa dann, wenn er im Rahmen seiner Überlegungen zur Beziehung zwischen Seele und Körper, das Essen zur Spreche bringt.

Hunger und Durst seien Hinweise auf eine Leere in unserem Körper (8). Der Wunsch nach Speise und Getränk gehöre zu den heftigsten menschlichen Begierden. Dass wir etwas „Gutes“ essen und trinken möchten, erkläre sich dadurch, dass die Begierde aller sich auf das Gute richte . Die Lust an der Nahrungsaufnahme setzt Platon in Analogie zur seelischen Lust. Wie der Körper nach Speise und Getränk verlange, so dürste und hungere die Seele nach Wissen und nach Verstand. Wer Nahrung zu sich nehme und wer klüger würde, bei dem fände eine Art Anfüllen statt. Für die Entwicklung einer Philosophie der Verdauung ist das ein positives Zugeständnis. Mit Platon lässt sich die körperliche Verarbeitung von Speise und Trank als ein grundsätzlich erfreulicher Vorgang darstellen, als ein körperliches Gegenstück zur seelischen Verdauung von Wissen.

Allerdings ist das im Sinne Platons allenfalls die halbe Wahrheit, denn er gesteht den Dingen, welche zur körperlichen Ernährung gehören, weniger Wahrheit und Wirklichkeit zu als denen, welche zur Ernährung der Seele gehören. Brot, Wasser und überhaupt alles, was zur Ernährung des Körpers beitrage, sei weniger wahr und wirklich, als die ewig Gleichen und unsterblichen Dingen, mit denen sich die Seele ernähre. Aus diesem Grunde hätte die Seele auch wirklichere Freud- und Lustempfindungen als der Leib (9). Die Lust an körperlicher Nahrungsaufnahme sei zweifelhaft. Dies unterstreicht Platon in seiner Darstellung eines Menschen, der von geistiger Tätigkeit und Tüchtigkeit nichts weiß und seine Sinne auf Gelage und ähnliche Vergnügungen richtet: Wer geistige Nahrung verschmähe und sich „Fraß und Brunst“ ergäbe, der irre sein Leben lang zwischen Schmerz und Schmerzfreiheit umher, koste keine reine Lust, schaute nie das wahre Oben und nähme die Wirklichkeit nicht in sich auf (10).

Damit kehre ich zurück zu dem Ausgangspunkt meiner Darstellung. Denn die in der Gegenwart durch den weltweiten Anstieg der Übergewichtigkeit und Fettleibigkeit verursachten Probleme scheinen die Position Platons zu stärken. Ist es also angemessen, mit Platon für eine Unterdrückung entbehrlicher Ernährungs-Triebe zu plädieren?

Wenn wir in der Aufnahme von Nahrung nichts weiter sehen wollen als ein zur Erhaltung des Körpers notwendiges Übel, so wird uns auch die Freude an der Verdauung wenig bedeuten und wir können unsere Ernährung auf das zur Lebenserhaltung Notwendige beschränken. Allerdings beruht diese Haltung auf der Annahme eines Gegensatzes zwischen Körper und Seele, welche die Beschreibung des Körpers als Störfaktor der seelischen Entwicklung ermöglicht. Doch wenn wir diese Voraussetzungen nicht anerkennen, so wird die negative Einschätzung der Lust am Essen unverständlich. Der Gegensatz zwischen Körper und Seele wird dann hinfällig, wenn wir Sinnlichkeit und Vernunft vereinigen können. Das ist allerdings möglich, sofern es offensichtlich harmonische Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele gibt. So betont der Philosoph Richard Shusterman, dass auch die Philosophie von dem verstärkten Interesse am Körper angesteckt worden sei, wie wir an der gewaltigen Zunahme neuer körperorientierter Psychotherapien und anderer somatischer Disziplinen erkennen können, die auf geistige Gesundheit und Glück abzielen (11).

Die Möglichkeit einer Zusammenführung von Körper und Seele lenkt die Bedeutung einer Philosophie der Verdauung in einen neuen Zusammenhang. Die Frage nach der Zuträglichkeit von Ernährung stellt sich weniger im Hinblick auf die Rettung unseres Seelenheils, sondern auch bezüglich der Entwicklung einer gegebenen gesellschaftlichen Situation. Maßgeblich ist dabei die Einbindung des Wohlgefühls in das zwischenmenschliche Miteinander, welches der Einheit zwischen Körper und Seele nicht entgegensteht, sondern sie verstärkt.

In diesem Zusammenhang gewinnen Platons Überlegungen zur Beschaffenheit demokratischer Strukturen und Denkgewohnheiten wiederum an Stichhaltigkeit. Wäre die gesellschaftliche Verteilung der Güter ausgeglichener, so fiele die Bestimmung der richtigen Ernährung sicherlich leichter. Die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen zur ausgeglichenen Verteilung der Nahrungsmittel spricht aber keineswegs gegen den Genuss beim Essen und beim Trinken; weder dann, wenn es an Nahrung mangelt noch dann, wenn es sie im Überfluss gibt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt, schrieb Marx in seiner Politischen Ökonomie (12). Das kann aber nicht bedeuten, dass wir uns die Freude am Leben nehmen lassen, nur weil das gesellschaftliche Sein mit unerträglichem Leid verbunden ist. Eine Person zerfällt nicht in einen dummen und einen vernünftigen Teil. Philosophische Einsicht steht nicht im Widerspruch zu sinnlichem Genuss.
Dem Asklepios schulden wir dann einen Hahn, wenn der Widerspruch zwischen individuellem Genuss und der Entwicklung der Welt zur Vergangenheit gehört.’

(1) Childhood Overweight, A Fact Sheet for Professionals, University of California, Berkeley, Cooperative Extension, Department of Nutritional Sciences, January 2000.
(2) Platon, Der Staat, übers. August Horneffer, Drittes Buch, XIV, Stuttgart, Kröner, 1949, S. 97.
(3) Platon, Ibid., S. 98.
(4) Platon, Phaidon, 64 c Essen u.a., Phaidon, 1987.
(5) Ebd., 62.
(6) Ebd., 106e.
(7) Ebd., 470.
(8) Platon, Der Staat, S. 317.
(9) Ibid., S. 318.
(10) Ibid., S. 318-319
(11) Richard Schusterman, Leibliche Erfahrung in Kunst und Lebensstiel, übers. Aus dem Amerik. Von Robin Celikates und Heidi Salaverría, Berlin, Akademie Verlag, 2005, S. 142.
(12) Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort. 1859, MEW 13, S. 9.

 

 

Ein Hunderecht auf gesunde Verdauung?

Nehmen wir einmal an, Sie hätten mit dem Hund Ihrer Nachbarin im Schnee getollt. Woraufhin dieser, nennen wir ihn Cäsar, Schnee geschluckt hat. Nehmen wir an, der Schnee war eiskalt und auch nicht ganz keimfrei. Sie beginnen zu ahnen, worauf das hinausläuft? Genau: Jedes Jahr ist es dasselbe, der Schnee fällt und Cäsar bekommt eine Gastritis.Etwas ratlos stehen Sie da, denn zu schimpfen nützt ja nichts mehr. Da fesselt etwas Ihren Blick. Einige Schritte weit vom Fußweg steht ein Schneemann in einem Vorgarten. Eigentlich ist der Schneemann ist gar kein Mann, sondern eine Frau mit Augen wie aus Kohle. Ja, Sie sehen es jetzt es genau, bei den Schneefrauenaugen handelt es sich um Kohletabletten. Sie treten durch die Gertenpforte und klopfen an die Haustür. „Hilfe, Not am Hunde“ rufen Sie laut, „Ist die Augenkohle zur Heilung von Gastritis bei Hunden geeignet?“ Die Tür öffnet ein Mann. „Ja“ sagt er, „Natürlich, schließlich handelt es sich um Eucarvet, die Tiermedizin aus dem Hause Trenka. “Die wohltuende Wirkung von Eucarvet auf Hundemägen ist Ihnen selbstverständlich bekannt. Ihre Nachbarin hat ja nicht umsonst die einschlägigen Testergebnisse angefordert und mit Ihnen diskutiert! Der Mann anscheinend auch, denn er glänzt mit Sachverstand: „Eucarvet! Ein formidables Produkt! Hilft natürlich bei Gastritis! Auch bei Schweinen, Hühnern und Kühen empfehle ich Eucarvet unbedingt! Eucarvet, das ist genau das, was Ihr Pfiffi jetzt braucht.“ “Pfiffi, was für ein Pfiffi?“ fragen Sie sich. Sie kennen keinen Pfiffi. Aber Ihre kurzzeitig aufsteigende Befremdung versinkt schnell im Meer Ihres innerlichen Jubels über Ihr glückliches Geschick! Eucarvet wird die drohende Gastritis schon abwenden. Das wäre doch gelacht. Auch Cäsar ahnt Rettung und schlägt vor Freude Purzelbäume.Aber der Jubel kam zu früh. „In diesem Jahr haben wir Eucarvet leider nicht in ausreichender Menge bestellt,“ wird Ihnen erklärt. „Nur, zwei Tabletten hebe ich immer auf, damit die Kinder ihrer Schneekönigin anständige Augen und ein paar Knöpfe verpassen können.“ Verwundert sehen Sie die Schneegestalt an. So stellen Kinder sich Königinnen vor? Sie fühlen sich eher an Ihren Nachbarn erinnert, der sich inzwischen in eine Nachbarin umwandeln ließ. Aber mit Überlegungen zu Geschlecht und Gender halten Sie sich jetzt nicht weiter auf. Die Lage ist einfach zu ernst. Es geht doch um die Gesundheit des geliebten Tieres!

„Was soll den das bedeuten?“ fragen Sie etwas spitz. „Ist es vielleicht meine Schuld, dass Sie keine ausreichende Menge bestellt haben? Wird Cäsar nun vor der Gastritis bewahrt oder sollen die Tabletten weiterhin diese Schneemissgestalt zieren?“„Das ist allerdings eine berechtigte Frage. Bevor ich Ihnen eine abschließende Antwort geben kann, muss ich einiges klarstellen“ erklärt der Mann mit ruhiger Stimme. Ihre innere Unruhe wächst während man Ihnen ausführlich begründet, warum eine Schneegöttin ohne Kohleaugen und Kohleknöpfe eigentlich gar keine echte Schneegöttin sein könne. Die traditionsgemäße Verwendung von Eierkohlebrocken sei aber nicht möglich gewesen, denn selbst die Großmutter heize ihre Zimmer nun schon seit Jahren mit Gas. Cäsar schaut traurig drein und rührt sich nicht.

Zu einer Debatte über die Vor- und Nachteile alternativer Energieträger fehlt Ihnen jetzt ebenfalls die Zeit. Sie besiegen den Impuls, dem Schneeungetüm seine rettenden Augen einfach aus den Höhlen zu kratzen. Der Mann wirkt nämlich vergleichsweise kräftig. Da führt Gewalt nicht unbedingt zum Ziel. Zum Glück erinnern Sie sich rechzeitig an Ihren gesunden Menschenverstand. „Werter Herr, bedenken Sie die Folgen unterlassener Hilfeleistung? Es ist doch ganz klar, Tiere sind fühlende Wesen. Besonders bei Krankheit verdienen sie unser menschliches Mitgefühl. Das sehen Sie doch ein? Rücken Sie gefälligst die Tabletten heraus!“Der Mann lächelt Sie an. „Menschliche Ethik war im Laufe Ihrer Entwicklung vor allem eines: menschlich, allzu menschlich,“ bemerkt er dann leise. „Das ist doch wohl eine etwas triviale Einsicht“, geben Sie zu bedenken. Darauf der Mann: „Menschen können eben nicht aus ihrer Haut. Ihr Tun und Streben findet seine Grenzen an den Beschränkungen ihrer Verstandestätigkeit.“ So sei das nun einmal, fügt er noch an.

Statt zu provozieren, versuchen Sie es nun mit etwas Kant: „Wohl habe ich gehört von der goldnen Regel. Auch das Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft kenne ich und bemühe mich stets, so zu handeln, dass die Maxime meines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Naturwesen wie Cäsar stellen mich jedoch vor ein spezielles moralisches Problem. Das ‚Recht’ der Tiere zur Maxime zu erheben, liegt mir fern. Es wäre wohl auch nichts weiter als eine abgeleitete Redensweise. Mitgefühl für Tiere ist zwar mehr als eine Übung des Mitgefühls für einen Menschen, aber sollen wir den Tieren deshalb Rechte eingestehen? Ich denke, das wäre falsch. Cäsar hat bei mir ja keine Rechte eingefordert und ich bezweifle, dass er überhaupt fähig dazu ist. Verstehen sie mich bitte richtig, ich meine, er kann gar keine Rechte einfordern, aber verpflichtet bin ich dem lieben Tier wohl dennoch: Es hat ein Bedürfnis nach unversehrtem Leben. Doch wenn ich eine menschliche Pflicht gegenüber Cäsar verspüre, warum dann nicht auch Sie?“Der Mann sieht Sie überlegend an. Dann blickt er auf den Himmel, dann auf Cäsar. Er streichelt ihm sein Fell. Nach einigen Minuten hält er ein, sieht Sie lange und durchdringend an. Dann spricht er erneut: „Mit scheinheiligen Argumenten möchte ich Sie nicht behelligen. Ihr Hund ist eine ästhetische Erscheinung und so wie er Ihr Leben bereichert, so bereichert er mich. Doch ist das ein ausreichender Grund, ihm die Tabletten zu geben? Bewahren wir uns vor Missverständnissen. Zwar sind wir Menschen, doch sollen wir deshalb unser Verhalten allein an Menschen messen? Wir haben wohl allerlei Pflichten gegenüber Hühnern, Maiskolben und Schneegöttinnen, doch wie wichtig sind uns diese Pflichten? Wir sind uns wohl darüber einig, dass die Interessen der Natur sich nicht einfach mit den Interessen der Menschen decken? Unser Eigenwohl liegt uns näher, deshalb sperren wir Tiere in Käfige, behandeln Pflanzen genetisch und verändern gar das Klima.“ „Nun“, entgegnen Sie, „Da sind wir uns wohl einig. Aber ich fordere die Tabletten ja auch nicht für Sie oder für mich, sondern für ein unschuldiges Tier!“ „Sind die Grenzen zwischen Mensch und Umwelt mehr als ein irriger Schein? Fragt daraufhin der Mann. Haben nicht auch die Kinder und ihre Schneegöttin Anteil an jener Umwelt, in welcher auch Cäsar sein Leben genießt? Und sind nicht auch wir beide Teil dieser geteilten Lebenswelt? Sollen wir also – eingedenk der Forderung nach vielfältigen und doch stabilen ökologischen Strukturen – die ehrwürdigen Rechte der Menschen bestreiten?“ Sie denken darüber nach. Es spricht manches dafür und einiges dagegen. Wie war das denn noch mit den Arbeitern, welche die Eindämmung des Reaktorunfalls von Tschernobyl mit ihrem Leben bezahlten? „Wenn ich es recht bedenke“, stoßen Sie hervor, „so weiß ich es nicht zu sagen.“„Lieber Freund, manch einer mag denken, die Steine hätten wenig oder keinen eigenen Willen und brächten schon deshalb kaum ein verständliches Wort heraus. Wir wollen das anerkennen, aber dabei aufmerksam darauf achten, nicht unter einer Lawine rollender Steine begraben zu werden.“ Sie spüren nun deutlich, wie der Sinn des Gesprächs Ihnen zunehmend entgleitet. „Ja, wir wollen aufmerksam darauf achten“, wiederholen Sie zögernd, „denn wenn wir unter rollende Steine geraten, so kann das schlimm ausgehen.“

„Sie verstehen also, worauf ich hinaus will?“ fragt der Mann. „Nein, nicht so ganz“, geben Sie etwas unschlüssig zu verstehen. „Sehen Sie, unser eigener Wille kann uns doch als sehr schwach erscheinen, als so schwach, dass wir ihn kaum mehr zu erkennen vermögen?“ „Gewiss!“ „Und was uns andere Menschen erzählen – ist es nicht oft ganz unverständlich, so unverständlich wie ihre Handlungen?“ „Gewiss!“ „Und Rechte haben wir dennoch und Rechte haben auch die anderen Menschen. Aber manchmal haben wir auch unrecht und wissen nur wenig von unseren Rechten. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg; und wo der Weg und der Wille fehlen, da wollen wir uns setzen und schweigen. Wenn die Steine, die Hunde und die Schneefrauen keine Rechte einklagen können, dann ist das kein Problem, solange gute Anwälte für sie sprechen. Nehmen Sie sich trotzdem zwei von den Knöpfen, ich werde es den Kindern schon erklären“ Dann schloss er die Tür. Cäsar jaulte leise.Und die Moral von der Geschicht? Wenn Sie Eucarvet in ausreichender Menge bestellen so sparen Sie sich vielleicht manch überflüssige Diskussion. Denn noch ist ja nicht aller kalten Tage Abend! Manch lauer Winter kündet vom Jahrhundertfrost des kommenden Jahres! Wer Eucarvet hat, der kann die schönsten Kohleaugen verschenken und hat die beste Medizin für die Tiere. Aber bitte vergessen Sie nicht: Schneeköniginnen vergehen zwar mit dem Winter, doch Tiere können zu jeder Jahreszeit erkranken!